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„Machokultur – Religiosität – Gewaltbereitschaft? Muslimische junge Männer in Deutschland“

5. Dezember 2010

Am 03.12.2010 fand im Domforum, Köln, eine Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Christian Pfeiffer zu folgendem Thema statt:
„Machokultur – Religiosität – Gewaltbereitschaft? Muslimische junge Männer in Deutschland“.
Veranstalter war das Bildungswerk der kath. Kirche in Köln und der Liberal-Islamische-Bund (LIB), deren Vorsitzende, Lamya Kaddor, auch Teilnehmerin der Podiumsdiskussion war. Anwesend waren ca. 150 Personen, davon nach meiner Schätzung ein Viertel Muslime, die Frauen teilweise deutlich an den Kopfbedeckungen zu erkennen.
Die Diskussion wurde geleitet von Murat Bayraktar vom WDR Funkhaus Europa, weitere Gäste waren Matthias Marienfeld, Leiter des Don-Bosco-Clubs in Köln, und Oguz Ücüncü, Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Milli-Görus (IGMG).

Die Vertreterin des Domforums, Margaret Büren, fasst noch einmal zusammen, daß die Untersuchung „Nerv der Muslime“ getroffen hat und daß es keine Zahlen von Polizei und Staatsanwaltschaft gibt da dort (Anm. aus gutem Grund!?) die Religion der Straftäter nicht erfasst werde.
Murat Bayraktar ergänzt, nach dem er vorgestellt wurde, daß die Ziele solcher Veranstaltungen ein Dialog der Muslime „auf Augenhöhe mit der Mehrheitsgesellschaft“ und „ein innerislamischer Diskurs“ sind.

Zu Beginn durfte Prof. Pfeiffer die Ergebnisse seiner Studie vorstellen. (Befragt wurden 45.000 Jugendliche, die Kurzfassung des Ergebnisses schreckte unter der Kurzform „Je (islamisch) religiöser, desto gewaltbereiter“ vor ein paar Wochen die Öffentlichkeit auf.)

Prof. Dr. Christian Pfeiffer am 03.12.2010 in Köln

Prof. Dr. Christian Pfeiffer

Als Einstieg wählte er einen Auszug aus einem Erziehungsratgeber, der von einer extrem-christlichen Kirche in einem anderen Land (USA?) herausgegeben wurde und der als Züchtigung empfiehlt, den Willen des Kindes durch gezielte Schläge zu brechen. Dies macht er vor allem, um dem Vorurteil vorzubeugen, daß nur in islamischen Familien die Prügelstrafe praktiziert wird. Aber dennoch stellt er den Zusammenhang her, daß, je religiöser die Familien im Allgemeinen sind, desto häufiger werden die Kinder geschlagen. Aber nur im islamischen Hintergrund werden die Jugendlichen überdurchschnittlich gewaltbereit. (Meine Frage in der Abschlußdiskussion, ob denn das Schlagen in christlichen Familien zu häufigerer Gewalt führt, beantwortet er damit, daß es dort genau im Durchschnitt liegt. Folgerung: demnach gibt es bei den Authochtonen keinen Unterschied in der Jugendgewalt, egal, ob sie zu Hause geschlagen werden oder nicht!)
Die besonders religiösen Katholiken sind nach seiner Studie extrem friedfertig und mit dem Leben am zufriedensten.
Zu „Integration und Religiosität“ kommt er zu der Schlussfolgerung, daß die religionslosen Migranten am besten integriert sind, danach folgen:
– katholische Polen
– Buddhisten
– Juden
– Andere Religionen
– Islam

Integration ist nach seiner Auffassung eine Frage von „Ferne und Nähe“, was die Zahlen durchaus verdeutlichen. Wer katholisch ist, geht einfach in die nächste katholische Kirche, Buddhisten sehen ihre Religion ausschließlich als Privatsache und Juden sind alleine schon durch ihre Geschichte (Diaspora) anpassungsbereiter. (Auch für die Integration hat er Fragen gestellt, z.B. nach dt. Freunden, Nachbarschaft, Heirat kulturfremder Partner usw.)
Interessanterweise erwähnt er, daß Rechtsextreme und Muslime bei der „Machokultur“ beinahe Zwillinge sind, so sehr gleichen sich die Ergebnisse.
Er führt weiter aus, daß sich 71% der befragten muslimischen Jugendlichen als „religiös“ bezeichnen. Um diese Religiosität zu messen, wurden 8 Fragen (Beten, Moschee/Kirche/Synagoge, Alltag usw.) gestellt und mit der Frage nach dem Alkohol eine Gegenprobe gemacht, die die Ergebnisse bestätigt. Herr Pfeiffer fühlt sich danach in seiner Systematik bestätigt, wiewohl er meint, daß zukünftige Studien eine weitere Differenzierung erfordern könnten.
Die folgenden Ergebnisse bezieht er ausdrücklich auf die Gruppe der türkisch-stämmigen Jugendlichen (und da ausdrücklich auf die Männer), da diese die größte Gruppe in Deutschland ausmachen und deren Ergebnisse am repräsentativsten sind. Er kommt zu folgenden Aussagen (hier verkürzt, aber nicht sinnentstellend wiedergegeben):
– je religiöser, desto weniger gehen aufs Gymnasium
=> je religiöser, desto eher in „bildungsfernen“ Schichten
=> je religiöser, desto eher in „sozialen“ Problemen (Anm.: diese beiden Punkte führt er später aus, die gehören aber hierher)
– je religiöser, desto schlechter integriert
– je schlechter integriert, desto gewaltbereiter
(11% der schlecht Integrierten, aber nur 1,7% der gut Integrierten, auch entsprechend größere Anzahl Mehrfachtäter)
– je religiöser, desto machomäßiger
– je religiöser, desto häufiger werden die Töchter und Schwestern bestraft und geschlagen
– je religiöser, desto mehr Ehen innerhalb des Kulturkreises und mehr „Zwangshochzeiten“

Er verweist ausdrücklich darauf, daß diese Korrelationen nicht ausdrücklich einen Zusammenhang begründen, und daß man „jetzt diese Zahlen hätte und weiter analysieren müsste“. Er verneint noch einmal ausdrücklich, daß der Islam die Ursache ist, im Gegensatz zu den „verbitterten alten Männern Sarrazin und Henkel“, wofür er schwachen Applaus erntet.

„Woher kommt das Alles“

Diese Frage stellt Prof. Pfeiffer und bezieht sich u.a. auf das Buch „Die Prediger des Islams“ (Rauf Ceylan). Demnach haben die Imame einen enormen Einfluß auf die religiösen Jugendlichen, sprechen aber zu ¾ kein Deutsch und sind eher Gastprediger, die nach einer gewissen Zeit wieder ins Heimatland zurückgehen. Sie pflegen einen autoritären Umgang mit den Jugendlichen und halten sich selber von „Ungläubigen“ fern, leben in ihrer eigenen Kultur und sind überhaupt nicht in D integriert.
Daraus entwickelt er zum Schluß seiner Ausführungen die These, daß ein islamischer Religionsunterricht an staatlichen Schulen und eine deutsche Imam-Ausbildung zur Ausbildung eines „liberalen“ Islam (unter dem Stichwort „Euro-Islam“ in der aktuellen Diskussion) führen müssten.
(Eine Frage des Autors, die er in der Diskussion nicht mehr gestellt hat:
„Wie passt das mit dem „religiösen Neutralitätsgebot“ des Staates zusammen, das als Begründung für das Abnehmen der Kreuze und der Abschaffung des christlichen Religionsunterrichts (trotz des GG-Artikels) in staatl. Schulen herhalten musste?“
Ist christlicher Religionsunterricht „schlecht“ (lt. Grünen und Linken), islamischer Religionsunterricht „gut“? Dürfen dann auch in Gegenden mit christlicher Mehrheit die Kreuze gegen die Proteste der Moslems wieder aufgehängt werden?)

Die Podiumsdiskussion

Danach folgt die Podiumsdiskussion. Die erste Frage von Murat Bayraktar ist, wie sich Muslime fühlen, wenn sie mit solchen Zahlen oder Vorwürfen in Radio oder Zeitung zum Frühstück konfrontiert werden. Interessant sind dabei schon die ersten Antworten von Lamya Kaddor und Oguz Ücüncü. (Anm.: Sowohl Fr. Kaddor als auch Hr. Ücüncü scheinen das „Handbuch zur Desinformation“ zu kennen, denn statt sich mit den Zahlen auseinanderzusetzen, rütteln beide an den Grundlagen der Studie.) Frau Kaddor bezweifelt die Definition von Religiosität (Beten, Moschee, usw.) und betont dabei, „der Islam ist keine Gesetzesreligion“ (was zu Kopfschütteln im Publikum führt). Herr Ücüncü besteht darauf, „die These der bestätigten Religiosität der gewaltbereiten Jugendlichen ist falsch verstanden!“. Herr Pfeiffer besteht stattdessen auf seinen Zahlen, die „nun einmal so wären.“ Die Highlights der folgenden Diskussion um die Frauenfrage im Islam sind die Feststellungen von Prof. Pfeiffer, daß selbst in seiner „Vorzeigemoschee“ in Göttingen die Frauen im Abstellraum beten müssen und daß er einen Fall hatte, bei dem ein Imam auf die Auflösung einer Ehe eines muslimischen Mädchens mit einem Hindu bestanden hat. Auch diese Fakten können die beiden Muslime auf der Bühne nicht entkräften, Frau Kaddor weist aber auf das „Liberal“ ihres Bundes hin und daß man sich über solche Fragen mit den Konservativen austauschen müsse. Das führt zu der Frage nach dem „vermittelten Religionsbild“ und möglichen Zusammenhängen zu den zumindest in D strittigen Fragen des Islam. Wieder weicht Frau Kaddor im Prinzip aus, indem sie auf das vom LIB vermittelte Bild verweist, in dem Frauen beim Erbe gleichgestellt werden (im Gegensatz zu den Regelungen im Koran) und auch eine Frau beim Beten in der 1. Reihe der Moschee denkbar wäre, wenn man sie denn ließe. Sie führt lange aus, wie sie sich in ihrer Lehrertätigkeit als muslimische Frau Respekt verschafft hat und daß bei 3 Töchtern zu Hause nicht der Vater das Sagen gehabt hätte.
Wieder versucht Prof. Pfeiffer, seine Zahlen zu verteidigen, indem er einen Zusammenhang von Familie im Anatolien des 16./17.-Jahrhunderts zu heute herstellt, und daß diese Familienstruktur Vorbildcharakter hätte und daher zu Machotum führen würde. Dem wird umgehend von Herrn Ücüncü widersprochen, der als Vorbild für dt. Machos „Ekel Alfred“ anführt, der aber in 2010 eben kein Vorbild mehr wäre.

„Die Gleichwertigkeit von Mann und Frau wird nicht gelehrt“

Die Diskussion verflacht dann ein wenig, bis Murat Baraktar eine entscheidende Frage stellt: „Wird die Gleichwertigkeit von Mann und Frau im heutigen Islam gelehrt?“ Frau Kaddor beantwortet die Frage eindeutig mit „Die Gleichwertigkeit von Mann und Frau wird nicht gelehrt“ und versucht, die Faktoren zur Ausbreitung der Machismen zu identifizieren: „fehlende Identität“ und „Angst der Männer vor starken Frauen“ (Anm.: ??). Spätestens hier hätte es absurd werden können, hätte nicht Herr Marienfeld die „Heranbildung der kleinen türkischen Prinzen durch die Mütter schon im Kindergartenalter“ beschrieben, was zum Glück den Punkt von Frau Kaddor vergessen ließ. Herr Ücüncü machte noch einmal die „Bildungsferne, die Gewalt-PC-Spiele, die Porno-Kultur und die Hauptschule als Abstellgleis“ als Ursachen für das Machotum aus. (Daß Prof. Pfeiffer einen Zusammenhang zwischen Religiosität und Bildungsferne festgestellt hat, schien er vergessen zu haben). Prof. Pfeiffer beschrieb in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Vereins „Mentor e.V.“, was Nachhilfe in dt. Sprache und Bildung selbst für türkischstämmige Hauptschüler bringen, nämlich höhere Qualifikationen bis hin zum Gymnasialbesuch nach der 10. Klasse.
Die Podiumsdiskussion endet mit den Feststellungen der Gegensätzlichkeit von LIB und IGMG.

Aus der anschließenden öffentlichen Diskussion

Aus der anschließenden öffentlichen Diskussion möchte ich nur einige Aussagen hervorheben.
So betonte Frau Kaddor

Lamya Kaddor am 03.12.2010 in Köln

Lamya Kaddor

 auf Vorwürfe von muslimischer Gewalt gegen Einheimische, „der Islam ist keine Dominanzreligion“. (Anm.: Gelächter im Publikum)
Herr Ücüncü versteifte sich zu der Aussage, „daß die Religiösen unter den türk. Jugendlichen in seiner Wahrnehmung eher die Verlierer sind“ und bekam für diese Aussage Beistand von Herrn Marienfeld, der das für die Katholiken bestätigte. Außerdem seien ebenfalls in der Wahrnehmung von Herrn Ücüncü „die Religiösen die gesellschaftlich Erfolgreichsten“ (was der Studie widerspricht) und „es gibt keinen Zusammenhang von Religiosität und Gewalt, da 90% der Jugendlichen religiös sind“, was ebenfalls den Zahlen von Prof. Pfeiffer widerspricht. Der will sich aber darauf nicht mehr festlegen lassen, weil er eben „keine Zusammenhänge erkennt“ (Anm.: erkennen will).
Ein Zuhörer machte den Versuch, den Islam als Ideologie statt als Religion zu identifizieren, was auf energischen Widerspruch der Muslime auf dem Podium stieß.
Zum Schluß erklärte Frau Kaddor noch, daß sie die am Freitag vorgestellte Untersuchung (Exzellenzcluster „Religion und Politik“, Uni Münster/TNS Emnid, Juli/August 2010; danach wollen 42% der Deutschen die Religionsausübung für Muslime stark einschränken, nur etwa die Hälfte will gleiche Rechte für alle Religionen. Quelle: FAZ, 03.12.2010. siehe Grafiken) für Rassismus halte und sie sich persönlich bedroht fühlte.

Woran denken Sie beim Stichwort Islam
Woran denken Sie beim Stichwort Islam
Moscheebau in Deutschland

Moscheebau in Deutschland

Auf meine Rückfrage, wie denn Islamkritik und Angst vor dem Islam „Rassismus“ sein können, wenn in so unterschiedlichen Gegenden wie Indonesien und Nordafrika der Islam Staatsreligion sei, geißelte sie zunächst mich persönlich als „islamophob“ und bestand ohne weitere Erklärung darauf, daß Vorbehalte gegen den Islam Rassismus sind.

Zum Schluß: Generalsekretär der IGMG bestätigt das Recht auf Apostasie auch der Moslems

Nach dem offiziellen Ende interviewte ich noch Herrn Ücüncü, der bemerkenswerterweise auf meine Frage das „Recht aller Menschen, auch der Moslems, auf Apostasie“ bestätigte. „Wer nicht mehr glauben will, den kann man nicht zwingen“ so seine Aussage. (Anm.: Ob das den wegen Apostasie Verurteilten in Afghanistan hilft ?)
Bei der im weiteren geführten Diskussion zündete er noch eine andere Nebelkerze, indem er mir ausführlich erklärte, „daß die Vorfälle im Irak und in Ägypten nichts mit dem Islam zu tun haben, sondern mit den Problemen in diesen Ländern, die diese auf die Minderheiten projizieren würden.“ Meine Antwort, daß das Todesurteil in Afghanistan nichts mit „Minderheiten“ zu tun hätte, wurde mit einem „Doch, gerade“ erwidert. Da mich anschließend ein Herr (sein Adjutant?) von der „Gewaltreligion Christentum“ überzeugen wollte und mich nicht ausreden ließ, beendete ich das Gespräch vorzeitig, was mir neben bösen Blicken noch einige nicht druckreife Beschimpfungen seitens des „Adjutanten“ einbrachte.

Fazit: Die pfeifferschen Zahlen stehen und wurden nicht widerlegt. Die Rhetorik der islamischen Vertreter war spitze, was wohl viele Zuhörer beeindruckte. Allerdings ist Rhetorik meistens Ablenkung von Fakten, was ich auch hier wieder erlebte. Das reine Bestreiten der Zahlen, und sei es noch so rhetorisch geschickt, bringt eben keine Widerlegung. Mein persönliches Gefühl nach der Veranstaltung war irgendwie „flau“. Selbst „integrierten“ und sehr gut Deutsch sprechenden Vertretern des Islam in Deutschland nimmt man ein Bekenntnis zu Deutschland und seiner Kultur und seinen Werten nicht wirklich ab, wenn sie nur „Sand-in-die-Augen-streuen“ betreiben.

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